Kiel (pm) - Das Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten hat die Ergebnisse der ersten schleswig-holsteinischen Dunkelfeldstudie vorgestellt „Mit der Befragung schafft das Land neben der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) eine weitere Grundlage, um die Entwicklung der Sicherheitslage noch besser bewerten zu können“, sagte Innenminister Stefan Studt in Kiel: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Bürgerinnen und Bürger sich in Schleswig-Holstein grundsätzlich sicher fühlen. Sorge bereitet mir jedoch vor allem das teilweise unzureichende Anzeigeverhalten sowie das  große Dunkelfeld im Bereich der Sexualstraftaten. Und dass rund ein Viertel der Bevölkerung dem Rechtsstaat nicht vertraut, ist ebenfalls kein beruhigender Befund.“

Zur Methode der Befragung:
Bei der „Befragung zu Sicherheit und Kriminalität“ wurden 25000 Bürgerinnen und Bürger  ab 16 Jahren durch das Landeskriminalamt angeschrieben.  Der Rücklauf war mit 13070 ausgefüllten Fragebögen sehr hoch. Die Ergebnisse sind repräsentativ für das Land sowie die Kreise und kreisfreien Städte. Bei der Bewertung der Ergebnisse sind der zeitliche Kontext der Befragung (März - April 2015)  sowie der Referenzzeitraum der Opferwerdung (2014) zu berücksichtigen. Die Erhebung erfolgte mithilfe eines 20-seitigen Fragebogens, welcher aus 54 Fragen zu den Komplexen „Leben in Schleswig-Holstein“, „Kriminalitätsfurcht“, „Kriminalitätsbelastung im Jahr 2014“, „Bewertung der Polizei“ sowie „Cybercrime“ bestand. Die Befragung soll alle zwei Jahre wiederholt werden.

Zu den Ergebnissen im Einzelnen:

Kriminalitätsfurcht
„Die Furcht vor Kriminalität ist in Schleswig-Holstein offenbar nur gering ausgeprägt“, so Studt. Laut Studie weist lediglich ein Zehntel der Befragten ein eher hohes Unsicherheitsgefühl auf. Dieser Wert deckt sich mit den Angaben zur persönlichen Risikoeinschätzung und dem raumbezogenen Sicherheitsgefühl. Allerdings existieren geschlechtsbezogene Unterschiede: Frauen fürchten grundsätzlich stärker als Männer, Opfer einer Straftat zu werden. Dies betrifft insbesondere das raumbezogene Sicherheitsgefühl bei Frauen unter 21 Jahren.

Das Bestreben, sich durch das eigene Verhalten vor Straftaten zu schützen, ist bei vielen Bürgerinnen und Bürgern vorhanden. So sorgt beispielsweise mehr als die Hälfte der Befragten dafür, dass die Wohnung in der Abwesenheit nicht unbewohnt wirkt oder vermeidet es, viel Geld bei sich zu tragen. Die Bereitschaft, sich durch das eigene Verhalten vor Straftaten zu schützen, nimmt jedoch ab, sobald hierfür finanzielle Ressourcen benötigt werden, wie z.B. für die besondere Sicherung der Wohnung.

Immerhin ein Drittel der Befragten meidet bestimmte Wege, Plätze und Parks. Ein Viertel der Befragten nutzt in den Abendstunden keinen ÖPNV mehr. Diese Ausprägungen des Vermeidungsverhaltens sind mit hohen persönlichen Einschränkungen verbunden und werden von einem nicht unerheblichen Anteil praktiziert. Studt bezeichnete die Zahlen insgesamt als noch nicht zufriedenstellend: „Jeder Schleswig-Holsteiner, der sich nicht sicher fühlt, ist einer zu viel.“

Kriminalitätsbelastung
Neben der Kriminalitätsfurcht wurde erfragt, inwieweit Menschen in Schleswig-Holstein im Jahr 2014 persönlich Opfer einer Straftat geworden sind und ob sie diese Straftat angezeigt haben oder nicht. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen in Schleswig-Holstein ist im Zeitraum eines Jahres nicht von Straftaten betroffen. Ein Drittel der Befragten wurde im Jahr 2014 Opfer von mindestens einer Straftat. Überwiegend waren diese von computerbezogener Kriminalität (16,7 Prozent), Diebstählen (15,5 Prozent) oder Sachbeschädigungen (8,3 Prozent) betroffen. Delikte gegen die Person wie Raubtaten, Körperverletzungen oder Sexualdelikte werden deutlich seltener berichtet.

Betrachtet man die Opferwerdungsraten nach Geschlecht, zeigt sich, dass Frauen grundsätzlich seltener von Straftaten betroffen sind als Männer. Sexualdelikte stellen hierbei eine Ausnahme dar. Neunmal so viele Frauen wie Männer sind von solchen Straftaten betroffen. Von den 2,9 Prozent der Frauen, die von einem Sexualdelikt berichten, wurde nur ein sehr geringer Teil von 0,4 Prozent sexuell missbraucht oder vergewaltigt (durch Ex-Partner 0,2 Prozent). Der deutlich größere Anteil der Betroffenen (2,7 Prozent) gibt eine sexuelle Bedrängung (z.B. „Begrabschen“) an.

Hinsichtlich der Opferwerdung in den einzelnen Altersklassen wird deutlich, dass ältere Menschen insgesamt seltener Opfer werden als jüngere. Während über 40 Prozent der Befragten zwischen 16 und 34 Jahren angeben, Opfer irgendeines Delikts geworden zu sein, berichten noch 13 Prozent der über 80-Jährigen von Opfererfahrungen. Eine Ausnahme bildet hier der vollendete Wohnungseinbruchdiebstahl. Dort liegt das Niveau der Opferwerdungsraten der Älteren auf dem Niveau der Jüngeren.

Anzeigeverhalten
Die Anzeigequoten – also der Anteil der Fälle, die Opfer der Polizei gemeldet und zur Anzeige gebracht haben – variieren von Delikt zu Delikt stark. Landesweit erhielt die Polizei im Jahr 2014 von nur etwa einem Viertel aller Straftaten überhaupt Kenntnis.
Bei beispielsweise vollendeten Wohnungseinbrüchen ist der Anteil der Fälle, die der Polizei bekannt wurden, besonders hoch. Der Grund für diese hohe Anzeigequote dürfte in den Schadensersatzleistungen der Versicherungen liegen.

Bei Diebstählen oder Sachbeschädigungen, die eher seltener einem Versicherungsschutz unterliegen, fallen die Anzeigequoten deutlich niedriger aus. Noch niedrigere Anzeigequoten zeigt die Studie bei Gewalt- und Sexualdelikten auf: So werden nur knapp 8 Prozent aller Sexualdelikte angezeigt. Auffallend niedrig ist die Anzeigequote auch im Bereich der versuchten Wohnungseinbrüche mit nur 32,5 Prozent.
Unabhängig davon, welche Straftat dem Opfer widerfahren ist: der entscheidende Grund für die Anzeigenerstattung liegt in dem Wunsch, den Täter zu bestrafen. Neben der Bestrafung des Täters ist den Befragten wichtig, dass „so etwas nicht noch einmal passiert“.  Bei Körperverletzungen ist letzteres sogar der am häufigsten genannte Grund für die Anzeigenerstattung.

Bei den Gründen für die Nichtanzeige einer Straftat geben die Betroffenen ein breiteres Spektrum an Gründen an. Hauptsächlicher Grund für Nichtanzeige ist, dass die Tat als nicht so schwerwiegend empfunden wurde. Auffällig ist, dass im Bereich der Sexualdelikte über 46 Prozent der Betroffenen als Nichtanzeigegrund angeben, dass sie die Angelegenheit selbst geregelt hätten. Weitere 35 Prozent hätten die Tat als nicht so schwerwiegend empfunden.

„Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt“, sagte Studt. „Ich rate betroffenen Frauen dringend, Anzeige zu erstatten Auch wenn mir bewusst ist, welch großen Schritt dies im Einzelfall mitunter bedeutet – erst recht, wenn die Tat im häuslich-familiären Umfeld passiert. Die Polizei aber kann nur dann ein Strafverfahren gegen den Täter einleiten, wenn ihr die Tat bekannt ist.“


Wahrnehmung der Polizei und Vertrauen in den Rechtsstaat
Die Bevölkerung zeichnet ein insgesamt positives Bild der Polizei, doch in Teilbereichen gibt es auch deutliche Kritik. 12,5 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Polizei die Menschen ungerecht behandle. Immerhin 28,3 Prozent bzw. 24 Prozent der Befragten vertreten die Auffassung, dass die Polizei (eher) zu wenig getan habe bzw. (eher) überlastet gewesen sei. Das größte Problem ist jedoch, dass sich die Menschen nicht über den Fortgang ihres Anliegens informiert fühlen. Über die Hälfte der Befragten gibt dies an. Insgesamt gaben 26,6 Prozent der Befragten an, man könne sich auf den Rechtsstaat nicht verlassen. „Gerade angesichts  der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen muss es darum gehen, das Vertrauen in Staat und Institutionen zu stärken“, sagte Studt. „Dies aber erreicht man nicht nur, indem man um Vertrauen wirbt, sondern indem man Leistungsfähigkeit dokumentiert. Was in diesen Tagen zählt, ist nicht der pauschale Ruf nach einem starken Staat. Es muss darum gehen, bestehende Strukturen anzupassen und je nach Bedarf weiterzuentwickeln. Dazu gehört sicher auch, Polizei ein Stück weit neu zu denken.“

Text/Foto: Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten