Kiel (pm) - Um die Rahmenbedingungen für die Integration von Flüchtlingen im ländlichen Raum zu untersuchen, hat die Akademie für ländliche Räume mit finanzieller Unterstützung des zuständigen Ministeriums seit August letzten Jahres das Projekt „Neue Nachbarn – Zusammenleben im ländlichen Raum“ durchgeführt. Es wurde intensiv mit vielen Akteuren gesprochen und Best-Practise-Beispiele untersucht. Als Ergebnis überreichte sie am 28. April 2017 gemeinsam mit dem für die fachliche Expertise im Projekt engagierten Dienstleister „MOZAIK gGmbH – gemeinnützige Gesellschaft für Interkulturelle Bildungs- und Beratungsangebote mbH“ dem Minister für ländliche Räume, Robert Habeck, den Abschlussbericht mit den im Projekt erarbeiteten Handlungsempfehlungen.

„Die Zuwanderung von Menschen anderer Kulturen zeigt uns viele Probleme des ländlichen Raumes wie in einem Brennglas: fehlende Mobilität, Kita und Schule und Jobs in erreichbarer Nähe. Aber es geht auch darüber hinaus: Was ist zum Beispiel mit dem Sprachkurs, der nicht stattfindet, weil die festgesetzte Mindestgröße, die vielleicht in den Städten Sinn macht, nicht erreicht wird? Wenn wir die Integration schaffen wollen, müssen wir also die Probleme des ländlichen Raumes anpacken und darüber hinaus spezifische Antworten finden. Dann liegt in der Zuwanderung eine Chance“, sagte Minister Habeck.

 

Er betonte: „Die Ankunft von vielen Flüchtlingen in kurzer Zeit hat das Land gefordert. Umso beeindruckender ist es, wie viel Engagement und unglaubliche Bereitschaft es im Land gab und weiterhin gibt. Ob Ehren- oder Hauptamtliche: Sie packen an, helfen, zu organisieren und übernehmen Verantwortung. Das ist eine enorme Leistung. Und sie wird durch die erhobenen Fakten, die Ergebnisse der Interviews und der Online-Befragungen dokumentiert. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Amtsvorsteher und Amtsvorsteherinnen in Ämtern und Gemeinden nehmen die Stimmung gegenüber Geflüchteten als eher entspannt wahr, berichten nur von wenigen Protesten und es gibt weiterhin eine hohe Aufnahmebereitschaft gibt. Der Weg zur Integration ist lang, mit Sicherheit nicht einfach und verlangt allen viel ab, aber wir können ihn diesem Land und seinen Menschen zutrauen.“

 

Minister Habeck dankte der ALR e.V MOZAIK gGmbH und den Mitgliedern des Begleitgremiums, für die engagierte Arbeit in diesem Projekt.  Die Handlungsempfehlungen werde er in seinem Haus  beraten und an die anderen betroffenen Ressorts übergeben. Was wie umgesetzt werde, entscheide eine künftige Landesregierung.

 

Hermann-Josef Thoben, Vorsitzender der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins e.V., erklärte:  „Gelingende Integration von Menschen, die nach Schleswig-Holstein ziehen oder in Notzeiten hier Zuflucht suchen, ist nicht in erster Linie ein Ergebnis von guten Gesetzen und Regelungen. Erfolg und Gelingen werden vor allem durch menschliche Begegnung und die Art und Weise des Miteinanders bestimmt.“ Dies wurde 2015 und 2016 in besonderer Weise deutlich, als überraschend viele Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und anderen Ländern nach Deutschland und Schleswig-Holstein kamen. Für dieses Ereignis gab es keinen Fahrplan. Niemand war vorbereitet. Es waren Menschen vor Ort, an Bahnhöfen, in Erstunterkünften, in der Stadt und auf dem Land, die ohne Vorgabe wussten, was zu tun ist.

 

Im überwiegend ländlich geprägten und kommunal kleinteilig strukturierten Schleswig-Holstein war schnell klar, dass die Integration dieser Menschen kein Thema nur der vier Oberzentren Kiel, Flensburg, Neumünster und Lübeck werden würde. Die ersten Berichte im Jahre 2015 bestätigten dies: Bürger, Ehrenamtler, Bürgermeister, Gemeindevertreter, Mitarbeiter der Amtsverwaltungen in den ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins kümmerten sich. Im ländlichen Raum erfolgten Begegnungen und Kontakte über unterschiedliche Ebenen weitaus näher und persönlicher, als dies im vor allem großstädtischen Gefüge der Fall ist.

 

Diese Entwicklungen und Beobachtungen waren Anlass für die ALR e.V. im August 2016, die vorliegende Expertise, gefördert durch das MELUR, in Auftrag zu geben.

Ziel war es, die Ereignisse, die Prozesse und die spannenden Projekte der (spontanen) ländlichen Integrationsprozesse der Jahre 2015 und 2016 zu untersuchen. Mehr als 30 mehrstündige Expertengespräche und eine landesweite Online-Befragung bildeten die  methodischen Schwerpunkte. Daneben werden auch gelungene und nachahmenswerte schleswig-holsteinische Projekte der Integration im ländlichen Raum  vorgestellt.

 

In einem dialogischen Prozess unter Leitung der ALR e.V. waren verschiedene Akteure und Institutionen des Landes (SHGT, Flüchtlingsrat, Vertreter von kommunaler, Ämter- und Kreis-Ebene, Ehrenamt, Deutsches Rotes Kreuz, IHK Flensburg, Diakonie, SHHB, MELUR, Innenministerium) über ein Begleitgremium eingebunden.

 

„Das Ergebnis ist beeindruckend und vielschichtig und es bietet eine gute Grundlage für weiterführende Überlegungen und konkrete Handlungsansätze.“ so Hermann-Josef Thoben.

 

Knapp 30 Empfehlungen geben die Gutachter in enger Abstimmung mit den Mitgliedern des Begleitgremiums. Die Empfehlungen orientieren sich an den Lebensbereichen der Neueingewanderten und reichen von Wohnen, Spracherwerb über Gesundheit und berufliche Qualifikation bis hin zu Partizipation.

 

Beispielhaft stellen die Gutachter, vertreten durch Cemalettin Özer und Antje Schwarze, folgende Empfehlungen vor:

 

  • Frischer Wind für die soziale Dorferneuerung

Dabei geht es darum, die ohnehin stattfindenden Entwicklungsprozesse der Dorf- und Regionalentwicklung in Schleswig-Holstein – wie die partizipative Erarbeitung von Zukunftsstrategien für Dörfer und Regionen – zu intensivieren und zu stärken und um die interkulturelle Dimension zu erweitern.

 

  • Empowerment und Partizipation

Hier stehen die Förderung von Eigeninitiative und der Partizipation von Neueingewanderten, u.a. in Vereinen und kommunalen Entscheidungsprozessen und Gremien im Fokus.

 

Eine weitere Erkenntnis der siebenmonatigen Arbeit: Auch altbekannte Themen der ländlichen Räume sind wichtig für eine gute Integration – dies betrifft Stärken genauso wie Schwächen.  So mag es nicht verwundern, dass das Thema Mobilität in einer eigenen Empfehlung angesprochen wird.

 

  • Generalschlüssel zur Integration: Mobilität in den ländlichen Räumen innovativ ausbauen!

 

Insbesondere bei dieser Empfehlung wird sehr schön deutlich, dass die Berücksichtigung und Umsetzung der Empfehlungen in einer win-win-Situation mündet – für die Neueingewanderten und die einheimische Bevölkerung.

 

Dies sind nur 3 Beispiele. Die Expertise liefert viele weitere konkrete Handlungsansätze und adressiert dabei verschiedene Akteurs- und Entscheidungsebenen, wie z.B.

 

  • „Zuweisungskriterien in die ländlichen Kommunen – Von der Quote zur Integrationsorientierung“

oder

  • „Vom Papierkram-Land zum innovativen Verwaltungshandeln“

 

Die Expertise und die Empfehlungen können einen Beitrag dazu leisten, die Chancen der dezentralen Integration und der Integration in den ländlichen Räumen Schleswig-Holsteins zu erkennen und zu nutzen.

 

„Die vielen tollen und gelungenen Integrationsprojekte, die wir kennengelernt haben und ebenfalls in der Expertise vorstellen, werden wir als ALR nutzen, um in den nächsten Monaten unsere Ergebnisse und Vorschläge in die Fläche zu tragen und Optionen zum Handeln aufzuzeigen.“, so Hermann-Josef Thoben zum Schluss der Ergebnispräsentation.

 

Pressemitteilung: Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein